Radfahrerverein Germania Delitzsch e.V

 

 

 

 

 

 

 

Bericht aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.07.2010 / Lokalteil Delitzsch-Eilenburger

Davids dritte dimension

Tort(o)ur de Delitzsch

Ex-Radprofi Renzo Wernicke und LVZ-Redakteur Johannes David gehen gemeinsam auf Trainingsfahrt

Delitzsch. Bei der Tour de France liefern sich zurzeit Andy Schleck und Alberto Contador in den Pyrenäen das Duell um den Gesamtsieg. Grund genug für LVZ-Redakteur Johannes David, gemeinsam mit Ex-Radprofi Renzo Wernicke vom Team Univega Germania Delitzsch einen kleinen Ausritt zu wagen, der auch ohne Bergwertungen zu einer echten Tort(o)ur gerät. Zumindest für einen der beiden.
In Sachen Wadenumfang und Bräunungsfaktor schlägt mich der Herr Wernicke um zirka 200 Prozent. Und während letzteres weniger ausschlaggebend für den Verlauf unserer Etappe von Delitzsch nach Schnaditz und zurück sein dürfte, kristallisiert sich recht bald heraus, dass es beim Thema Waden durchaus auf die Größe anzukommen scheint. Doch von Anfang an

Auf den ersten Kilometern rollt das Zwei-Mann-Feld recht flott und ausgeglichen dahin, stetige 27 km/h zeigt der Tacho. Oder wie es Renzo Wernicke nennt: "Unteres Trainingstempo". Noch schafft es mein Organismus, Beine und Lunge gleichermaßen mit Sauerstoff zu versorgen. Und auch das Gehirn arbeitet noch relativ großzügig mit, erlaubt sogar kurze Gespräche über den praktisch nicht vorhandenen Verkehr auf der Landstraße zwischen Laue und Poßdorf oder auch Wernickes Anfänge als Radfahrer. "Ich habe erst relativ spät angefangen", erzählt er. Mit 16 Jahren um genau zu sein. Und doch legte er eine ziemlich steile Karriere hin, startete einst in einer Mannschaft mit Jan Ullrich oder Danilo Hondo. Zum ganz großen Durchbruch reichte es aber nie, auf eine Teilnahme bei der Spanien-Rundfahrt der Amateure kann er aber doch verweisen. Später fuhr der heute 37-Jährige für einige zweitklassige Mannschaften.
Vom Wetter her erinnert auch unser gemeinsamer Ausritt an die Spanien-Rundfahrt. Recht bald werden aus den Dialogen Monologe. Ich verzichte auf jegliche unnötige Anstrengung, während sich langsam zeigt (wir passieren gerade Löbnitz), dass Wernicke fast jeden Tag zwischen 80 und 120 Kilometer auf dem Rad zurücklegt. Entfernungen, für die ich im Normalfall mein Kraftfahrzeug bemühe. Was übrigens keine Schande ist, kostete doch mein Auto gebraucht weniger, als Wernickes 5500 Euro teures, acht Kilo leichtes Sportgerät.Als ich kurz darauf, immer am Rande der Dehydration wandelnd, beim Griff zur Wasserflasche gefährlich ins Schwanken gerate, frage ich nach Wernickes schwerster Sturzverletzung.

Eindeutige Rückansicht: Die Waden von Ex-Radprofi Renzo Wernicke (links) und Redakteur Johannes David sprechen für sich.Foto: Ina Wildführ

"Ein Schlüsselbeinbruch", antwortet er ziemlich unbeeindruckt. "Ansonsten bin ich fast immer mit Schürfwunden davongekommen." Beruhigend. Zu meinem eben erwähnten, eklatanten Flüssigkeitsverlust gesellt sich kurz vor Roitzschjora - wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter uns - auch noch so eine Art Hungerast. Lance Armstrong lässt grüßen. Immerhin weht hin und wieder ein laues Lüftchen. Am Ortsausgang jedoch hat mein Compagnon die überaus interessante Idee "jetzt mal Renntempo" zu fahren. Nach einer sehr wohlwollend geschätzten halben Minute bei 40 Stundenkilometern, flehe ich kleinlaut um Gnade. Von dieser fiesen Tempoverschärfung werde ich mich den Rest des Tages nicht mehr erholen.

Selbst ist der Radfaher: Renzo Wernicke schraubt die Pedale an.Foto: Ina Wildführ

Die Wende in Schnaditz nutzen wir dankenswerterweise für eine Pause. R. W. nippt erstmalig an seiner Trinkflasche und erledigt nebenbei ein paar Telefonate. Ich versuche möglichst entspannt zu wirken, ein beinahe aussichtsloses Unterfangen. Geplättet sitze ich im Schatten und erzittere beim Gedanken an den Rückweg. Die Erinnerungen daran sind dann auch recht verschwommen. Sorgen bereitet es mir, als zuerst meine Zehen und später meine Fingerspitzen Taubheitssignale aussenden. Die letzten Kilometer geraten daher eher zum Radrollen, von Radfahren kann weniger die Rede sein, was Wernicke zu einer Spitzfindigkeit veranlasst: "Mit deiner Verpflichtung warten wir lieber noch ein Jahr." Genügend Zeit für mich, um einen sicheren Ort zu finden.
Nach ungefähr 105 Minuten im Sattel falle ich mehr von selbigem, als dass ich absteige. "Durchschnittlich 24,5 km/h aber schreib' ruhig 25", sagt Wernicke noch. Alles klar. Gezeichnet von 46 Kilometern in der prallen Sonne und viel zu selten im (ohnehin überschätzten) Windschatten sinke ich hinters Steuer meines geliebten KFZ. Das Gesicht hochrot, die Füße kreidebleich, Rücken und Gesäß versehrt. Oder wie es ein gewisser Renzo Wernicke auf den Punkt bringt. "Auch nach 20 Jahren Rad fahren tut mir manchmal noch der Arsch weh." Gemeinsamkeiten sind doch etwas schönes.
Johannes David

In "Davids dritte Dimension" tauscht Kreiszeitungsredakteur und Hobbyfußballer Johannes David Bürostuhl und Tastatur gegen Turnschuhe und Sportklamotten und testet Sportarten in der Region. Für ihn geht es sozusagen von der zweiten in die dritte Dimension.